Einbruch aus Leidenschaft

Yanis ist 36 Jahre alt, erfolgreicher Banker und hat ein besonderes Hobby. Es ist gefährlich und illegal. Normalerweise brechen Menschen in Häuser ein, um wertvolle Gegenstände zu ergaunern. Doch Yanis findet es faszinierend, unerlaubt in einem fremden Haus zu spionieren. Alles genau unter die Lupe zu nehmen und in fremden Leben zu schnüffeln. Nun passiert ihm jedoch etwas, mit dem er nie hätte rechnen können.

Heute ist es wieder so weit. Das Wetter ist gut, die Nacht ist warm. Perfekt für einen neuerlichen Ausflug. Ich bin schon ganz aufgeregt und mein Plan, vorher 3 Stunden zu schlafen, bleibt auch dieses Mal ein Wunschgedanke. Unglaublich, wie mich alleine die Vorstellung an meinen bevorstehenden Streifzug erregt. Ich liebe es in fremde Häuser einzudringen, um mir anzuschauen, wie andere Menschen leben. Ich bin noch hellwach, als der Wecker in den höchsten Tönen in die Nacht kräht. Ich schlage die Decke zur Seite, stehe auf und begebe mich nach draussen.

Die erste Familie macht es mir bereits sehr einfach heute. Die Terrassentüre ist nicht abgeschlossen und ich kann beinahe ungehindert in das Haus eindringen. Mir fällt sofort auf, dass diese Menschen offensichtlich ein Flair für Ordnung haben. Das gefällt mir, so ist die Gefahr gering, plötzlich über einen herumliegenden Gegenstand zu stolpern und suboptimale Aufmerksamkeit zu erregen. Weiter fällt auf, dass offensichtlich viel Geld vorhanden ist. Ein grosser Flat Screen hängt an der Wand und ein mächtiges Home-Cinema ist eingerichtet. Das Sofa ist dunkelrot und daneben steht ein massiver Massagesessel. Auffallend ist eine beachtliche Anzahl von Gemälden an den Wänden. Ich hege den Verdacht, dass das Familienoberhaupt ein Künstler ist.

Ich begebe mich in einen grossen Raum, der mich sehr beeindruckt. Überall hängen erotische Fotos einer äusserst attraktiven Frau. Das zarte Gesicht der jungen Frau verzaubert mich augenblicklich. Im Raum steht zudem eine grosse Vase, welche sehr wertvoll wirkt. Ich weiss nicht warum, aber heute scheint alles anders zu sein, als gewöhnlich. Ich missachte meine Regel Nummer 1, die lautet: „nichts mit meinen blossen Händen anfassen“. Bei dieser Vase kann ich einfach nicht anders, ich muss sie berühren. Plötzlich höre ich einen grossen Knall. Schnelle Schritte kommen bedrohlich nahe. Ich sehe nur noch einen Ausweg, ich muss mich im Schrank verstecken. Zu meinem Glück hat es hier Platz für mich. Kaum schliesse ich die Türe hinter mir zu, stehen mindestens zwei Männer im Raum. Irgendetwas scheinen diese Typen zu suchen. Sie fluchen, wühlen und zerstören die Gemälde. Mein Herz pocht so stark, dass ich in jedem Schlag den finalen befürchte. Mein Angstschweiss steigt mir penetrant in die Nase und scheint sich dort festzusetzen.

Die Schritte kommen unaufhaltsam näher zum Schrank. Ich höre, wie eine Hand am Türgriff ansetzt. Die Türe öffnet sich und ein grelles Licht erscheint in meinem Versteck. Ehe ich mich versehe, ertönt ein lauter Knall. Offensichtlich ist ein Schuss gefallen. Doch der erwartete Schmerz tritt nicht ein. Es wird auf der Stelle wieder dunkel im Schrank. Wie in Trance taste ich heftig meinen Körper ab und stelle mit Erstaunen fest, dass ich nirgends eine Verletzung davon getragen habe. Ich verliere mehr und mehr die Kontrolle über mein Handeln und gerate in Panik. Platzangst steigt ins Unermessliche und ich will nur noch aus diesem engen Schrank. Doch ich muss feststellen, dass sich die Türe nicht öffnen lässt. Es ist so, als blockiere von aussen ein Gegenstand die Schranktüre. Kaum habe ich diesen Gedanken verarbeitet, wird mir in Lichtgeschwindigkeit klar, was da vor dem Schrank liegen muss.

Nicht auf mich wurde geschossen, sondern auf diejenige Person, welche mich beinahe entdeckt hätte. Und diese Person liegt nun vor dem Schrank. Mit grosser Mühe schaffe ich es, die Türe soweit aufzustossen, um mich mühsam durch den Spalt drücken zu können. Bei dieser Aktion komme ich nicht daran vorbei, den wohl toten Mann zu berühren. Meine Hand ist voller Blut, was zu weiteren Adrenalinstössen führt. Die Türe zu diesem Raum ist zu und das Licht brennt. Ich zittere am ganzen Körper, schwitze und friere zugleich. Völlig verwirrt und verängstigt schleiche ich mich zur Tür. Ich will dieses Haus nur noch verlassen. Kaum an der Türe angelangt höre ich erregte Diskussionen. Bei genauerem Hinhören, erkenne ich eine weinende Frau und eine drohende männliche Stimme. Mir wird auf der Stelle bewusst, dass ich hier nicht einfach aus dem Haus werde spazieren können.

Ich schaue mich im Zimmer um, und erkenne eine weitere Türe. Zu meinem Ärgernis hat dieser Raum keine Fenster, die nach draussen führen würden. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als die neu entdeckte Türe zu benutzen.

Langsam öffne ich die Türe, welche zu allem Übel auch noch knarrt. Mit grösster Aufmerksamkeit trete ich in den Raum. Das Licht ist aus. Es ist kühl im Raum und der Geruch nach altem Holz steigt mir in die Nase. Ich trete hinein und fühle das erste Mal eine Art von Erleichterung. Da ist Gott sei Dank ein Fenster. Die Umrisse eines Baumes sind unschwer zu erkennen. Euphorisch und übermotiviert steuere ich auf das Fenster zu. Doch prompt stosse ich gegen einen Gegenstand und einen Bruchteil einer Sekunde später höre ich es laut klirren. Offensichtlich habe ich gerade eine Vase zerstört. Das Mitgefühl für die Vase weicht kurze Zeit später der entsetzlichen Erkenntnis, dass jene Leute, die gerade erst kaltblütig einen Mann erschossen haben, diesen Krach unmöglich überhören konnten.

Voller Panik kenne ich nur noch ein Ziel. Ich muss aus dem Fenster ins Freie flüchten. Am Fenster angekommen, drücke ich den Griff nach oben, das heisst ich versuche es. Der verdammte Griff klemmt und ich höre bereits Schritte näher kommen. Tränen schiessen mir in die Augen und ich riegle verzweifelt am Fenstergriff, bis er endlich nachgibt. Ich stürze mich aus dem Fenster und spüre noch eine Hand an meiner Jacke. Doch ich fühle die Luft an meinem Gesicht vorbeirasen und bevor ich überhaupt realisieren kann, was gerade passiert, spüre ich mich heftig auf dem Boden aufschlagen. Ein unglaublicher Schmerz durchströmt meinen Körper, doch es bleibt mir keine Zeit, mich ihm zu widmen. Sofort stehe ich auf und renne, was das Zeug hält in die Nacht hinein. Ich renne, als wäre der Teufel persönlich hinter mir her. Der Gedanke, nach hinten zu schauen, macht mir solche Angst, dass mein Blick starr in die Ferne gerichtet ist. Nach rund 20-minütigem Rennen bin ich mit den Kräften am Ende. Da ich mich in der Zwischenzeit in einem Wäldchen befinde, wage ich es anzuhalten und breche bei einem Baum völlig erschöpft zusammen.

Der Ton meines Handys lässt mich zusammen zucken. Ich bin eingeschlafen. Meine Frau versucht mich zu erreichen. Doch was soll ich ihr bloss sagen?

 „Hallo Schatz“, spreche ich unsicher, „Gütiger Gott, du lebst. Wo bist du? Ich sterbe fast vor Sorge!“, höre ich meine Frau durch das Telefon schreien, „Es tut mir so leid, ich bin im Büro an einer hartnäckigen Arbeit und deswegen schon sehr früh ins Büro gefahren. Das war ein Fehler, denn ich bin nun eingeschlafen.“, „ist das wirklich dein Ernst?“, fragt sie mich ungläubig, „ja, aber weisst du was, ich komme nach Hause und mache den Rest des Tages frei. Ich fühle mich nicht so gut.“.

Mir ist bewusst, dass diese Ausrede ziemlich unglaubwürdig klingen muss. Doch etwas Besseres ist mir auf die Schnelle nicht eingefallen. Auf dem Weg nach Hause geht mir nochmals durch den Kopf, was ich alles durchgemacht habe. Ich kann es noch immer nicht fassen. In meinem Kopf hämmert es, als wollte jemand aus meinem Schädel ausbrechen. Wie soll ich Nora die Wunde am Kopf erklären? Als ich nach Hause komme, ist zu meiner Erleichterung niemand zu Hause. Ich stehe unter die Dusche und lege mich folglich mit einer Schmerztablette in mein weiches Bett.

Nach 6 Stunden schrecke ich aus dem Schlaf auf. Mein Schädel brummt und ich verspüre eine grosse innere Unruhe. Verkatert schleiche ich in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken, als plötzlich Nora vor mir steht. „Hallo Schatz. Du schaust schrecklich aus“, „danke, genauso fühle ich mich auch. Ich glaube ich werde krank“. „Dann leg dich besser wieder ins Bett, ich bringe dir was du brauchst.“

Ich liege nun wieder im Bett, kann allerdings nicht mehr schlafen. Meine Gedanken kreisen penetrant um die Geschehnisse aus letzter Nacht. Und plötzlich wird mir etwas mit einem Schlag bewusst! Ich habe die Leiche und die Vase mit blossen Händen angefasst! Auf einer Leiche sind meine Fingerabdrücke. Hektisch springe ich aus meinem Bett, ziehe mich an und stürme aus dem Zimmer. Nora gebe ich an, unbedingt etwas im Büro erledigen zu müssen, das ich völlig vergessen hätte. Sie ist misstrauisch, das spüre ich. Ich steige in mein Auto und rase an den Tatort. Dass die Leiche noch da liegt, ist wohl kaum realistisch. Trotzdem muss ich die geringe Chance versuchen zu nutzen. Doch kaum habe ich diesen Gedanken gefasst, bleibt mir der Atem stocken.

Vor dem Haus stehen unzählige Polizeiautos und es wird gerade eine Leiche hinaus getragen. Mist, ich bin wie erwartet zu spät. Grosse Panik steigt in mir auf. Wie soll ich das nur erklären. Diese Geschichte glaubt mir doch kein Mensch! Tränen schiessen mir in die Augen und ich fahre wieder nach Hause. Nachdenken, ich muss nachdenken. Vielleicht finden sie meine Fingerabdrücke ja gar nicht?!?

Zu Hause angekommen scheint Nora zwar etwas verwundert, doch sie wird mein Verhalten auf meinen Gesundheitszustand schieben. Ich lege mich wieder ins Bett und denke nach. Plötzlich klingelt es an der Türe. Ich zucke zusammen, als ich die Stimme eines Mannes höre. Meine Frau kommt die Treppe hoch, klopft an die Türe und tritt hinein. Sie ist nicht alleine. Zwei Polizisten sind bei ihr und teilen mir mit, dass ich vorläufig festgenommen bin, wegen Mordverdacht. Ich fühle mich wie in Trance, sehe nur noch verschwommen und nehme kaum noch etwas wahr. Ich bin geschockt und gelähmt. Nora sehe ich herzzerreissend weinen. Doch ich bringe keinen Ton aus mir raus und lasse mich widerstandslos mitnehmen.

Die Befragung durch die Polizei wird zum Albtraum. Es handelt sich nicht nur um eine Leiche. Die ganze Familie wurde umgebracht. Es gibt unzählige Spuren, die eindeutig auf mich deuten. Die wahren Täter müssen gewusst haben, wer ich bin und sie haben Spuren gelegt, die zu mir führten. Deswegen war die Polizei so schnell bei mir. Ich bin geliefert, selbst mein Anwalt sieht kaum einen Ausweg und ich habe das Gefühl, dass auch er mir nicht glaubt.

Nora kommt mich besuchen. Ich erzähle ihr die ganze Geschichte. Ich hätte selbst nicht damit gerechnet, doch sie glaubt mir tatsächlich. Mir kommen Tränen der Erleichterung. Noch nie war mir so bewusst, wie sehr ich diese Frau liebe. Sie ist mir nicht böse und sucht Lösungen, wie ich aus diesem Schlamassel raus kommen kann. Doch leider helfen alle Bemühungen nichts. Ich werde zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt. Ich fühle mich bei der Urteilsverkündung wie gelähmt. Alle Emotionen scheinen abgestorben. Ich habe verloren und spüre schmerzlich, dass das Leben keine Gerechtigkeit kennt…

Ich lebe nun schon seit 3 Wochen in meinem neuen zu Hause. Ein Heim, das mir gar nicht gefällt. Es ist kalt und ich bin einsam. Hier wird mir schmerzlich bewusst, wie viel wert Freiheit hat. Frei sein bedeutet Lebensqualität. Von den anderen Häftlingen sonderte ich mich von Anfang an ab. Ich habe meine Lebensfreude verloren, mein Lachen ist eingefroren. Das Vertrauen in andere Menschen ist gänzlich verschwunden. In meiner bescheidenen Zelle starre ich den ganzen Tag an die Wand. Hie und da betrachte ich das Foto meiner Frau. Doch die Gefühle, welche der Anblick des Fotos auslösen, sind zwiespältig. Einerseits ist es der einzige Lichtblick des Tages, andererseits verspüre ich grosse Wehmut. Ich kann jetzt nicht bei ihr sein, obwohl ich doch unschuldig bin….

Ein halbes Jahr geht vorbei, ohne dass ich jemals Besuch erhalten hätte. Im Knast rede ich nach wie vor mit niemandem, ich bin apathisch, meine Mitinsassen halten mich für gestört.
Nun ist es soweit, meine Frau besucht mich mit einem Anwalt. Ich werde das erste Mal seit meiner Verurteilung wieder mit Menschen reden. Meine Frau hat Tränen in den Augen, als sie mich erblickt. Ich hingegen spüre nichts, bleibe kalt und emotionslos. Die beiden reden davon, neue Beweise gefunden zu haben und dass ein neuer Prozess kurz bevor stünde. Eigentlich sollte ich mich doch darüber freuen, diesen Ort vielleicht schon bald verlassen zu dürfen. Doch so etwas wie Freude gibt es für mich nicht mehr.

Weitere vier Wochen vergehen. Es könnten aber auch 2 Jahre gewesen sein. Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Es wurde mir mitgeteilt, dass ich morgen früh entlassen werde. Scheinbar sind die Täter gefasst und geständig. Meine Frau hat meine Unschuld beweisen können. Doch auch diese Nachricht ändert nichts an meinem Zustand – ich bin zu einem emotionalen Krüppel gereift. Diese Erkenntnis lässt mir nur einen Ausweg. Wenn mich die Aussicht auf die Freiheit nicht ins Leben zurückholen kann, was dann?

Mein Plan ist klar und ich stehe zu 100% dahinter, nichts und niemand wird mich davon abhalten können. Nun stehe ich da. Auf diesem alten Holzstuhl. Nicht einmal in diesem Moment spüre ich auch nur die geringste Emotion. Diese Tatsache verstärkt mich in meinem Vorhaben zusätzlich. Meine letzte Bewegung erlöst mich aus meinem seelischen Gefängnis. Der Stuhl stürzt zu Boden und alles wird schwarz….

Kategorie: Krimis Schlagwörter: , . Bookmark the permalink.

Kommentar verfassen